
19. April 2026 • Lesezeit: 7 Min.
Wie starte ich eine Videoanleitung? – Das musst du als Technischer Redakteur zuerst klären
Die meisten Videoprojekte scheitern nicht am Set. Sie scheitern in den Wochen davor, weil die richtigen Fragen zu spät gestellt wurden – oder gar nicht. Wer strukturiert in die Vorbereitung geht, dreht einmal statt zweimal. Dieser Beitrag zeigt, welche Fragen vor dem ersten Storyboard beantwortet sein müssen – mit einer Checkliste zum direkten Einsatz.
Florian Kadelbach
yntro
Einleitung
„Die Kamera ist das letzte Werkzeug, das eingeschaltet wird." Gemeint ist: Vor dem Dreh müssen alle inhaltlichen Entscheidungen getroffen sein – Ziel, Zielgruppe, Struktur, Konzept. Die Kamera kommt zuletzt, nicht weil sie unwichtig ist, sondern weil alles andere zuerst feststehen muss. Die meisten starten trotzdem mit der Kamera. Und wundern sich, warum das Video trotz viel Arbeit und Reviewschleifen nicht funktioniert.
Videoprojekte ohne geklärtes Projektziel enden mit Nachdreh, Korrekturrunden und Videos, die Prozesse abbilden und hübsch aussehen, aber keine echten Probleme lösen. Das ist kein Qualitätsproblem der Produktion. Es ist ein Planungsproblem.
Für Technische Redakteure ist der Einstieg ins Thema Video oft unstrukturiert – dabei bringen sie die wichtigsten Kompetenzen bereits mit: Zielgruppenanalyse, Strukturierung, Wissensaufbereitung. Was fehlt, ist ein klares Framework für die Vorbereitung. Genau das liefert dieser Beitrag.
Zuerst das Projektziel. Nicht das Storyboard.
Wer schaut – und unter welchen Bedingungen?
Die Fragen, die Technische Redakteure aus der Zielgruppenanalyse kennen, gelten 1:1 für Video. Diese Kompetenz ist nicht neu. Sie wird auf ein anderes Format angewendet.
Zielgruppe konkret bestimmen. Endnutzer, Servicetechniker, Auszubildende, interne Mitarbeiter – Vorwissen und Sprachkenntnisse unterscheiden sich erheblich. Ein Video für Montagefachleute funktioniert anders als eines für neue Kunden ohne Vorkenntnisse. Diese Unterschiede müssen vor dem Storyboard bekannt sein, nicht danach.
Der Nutzungskontext ist entscheidend. Schaut jemand am Schreibtisch, direkt am Gerät oder unter Zeitdruck mit beiden Händen besetzt? Diese Frage beeinflusst Tempo, Bildwahl und die Struktur des gesamten Videos. Ein Video, das neben laufender Maschine genutzt wird, braucht kurze Szenen, starke visuelle Signale und klare Handlungsanweisungen – ohne lange Erklärungen.
Barrierefreiheit von Anfang an einplanen. Hat die Zielgruppe Einschränkungen, die Untertitel, Audiodeskription oder Tastaturnavigation erfordern? Barrierefreiheit ist Architektur, keine Nachbesserung. Wer sie erst am Ende denkt, zahlt dafür doppelt: einmal bei der Umsetzung und einmal, wenn das Video nach dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) nicht den Anforderungen entspricht. Wer systematisch vorgehen will, findet in der ISO/IEC/IEEE 26516 – dem internationalen Standard für die Entwicklung und Produktion von Videoanleitungen („Development and production of instructional videos") – ein bewährtes Gerüst für genau diese Phase: Rollen, Verantwortlichkeiten, Planungsprozesse – und eben auch konkrete Anforderungen an Barrierefreiheit und Sicherheitshinweise."
Die Deployment-Plattform bestimmen. Support-Portal, Learning Management System (LMS), Intranet, öffentliche Website, Messe-Display – jede Plattform hat eigene technische Anforderungen und Auswirkungen auf die Pflegeprozesse. Ein Video, das für das LMS produziert wurde, verhält sich anders als eines, das im Browser gestreamt wird. Das beeinflusst Dateiformat, Interaktivität und Update-Fähigkeit. Wer das zu spät klärt, produziert unter Umständen im falschen Format.
Recherche vor dem Storyboard – nicht daneben.
Die Textanleitung ist ein Puzzleteil. Sie ist nicht die Basis. Vor jedem Storyboard steht eine Recherchephase. Wer sie überspringt, lässt viel Potenzial liegen oder dreht am Ende zweimal.
Produktbereitschaft prüfen. Hat das Produkt Marktreife? Finale Bauteile, kein Prototyp. Wer ein Video vom Vorserienprodukt dreht, zahlt Lehrgeld. Das Gerät vor der Kamera muss das Gerät sein, das später beim Kunden steht – sonst stimmen Bedienpositionen, Beschriftungen und Abläufe nicht überein.
Bestandsaufnahme machen. Gibt es bereits Videos zu diesem Produkt? Von wem, wie alt, was stimmt noch – und was kann als Strukturvorlage dienen? Diese Recherche spart Zeit und verhindert, das Rad neu zu erfinden. Manchmal ist das beste neue Video eine aktualisierte Version von dem, was bereits existiert.
Den Ablauf live beobachten. „Zeig mir, wie du das machst" liefert mehr als „Erklär mir, wie man das macht." Mindestens einmal vor Ort, bevor das erste Storyboard entsteht. Denn was auf dem Papier simpel aussieht, entpuppt sich in der Praxis oft als mehrstufig, körperlich anspruchsvoll oder situationsabhängig. Diese Realität gehört ins Video.
Praxis-Tipp: Das Barehand-Video. Der Produktverantwortliche lässt sich von einem Kollegen mit dem Smartphone filmen, während er die Handlung durchführt und dabei laut mitdenkt – Reihenfolge, Stolperfallen, kleine Kniffe. Kein fertiges Video, sondern eine ungeschnittene Wissensbasis für das spätere Storyboard.
Support und Servicetechniker befragen. Was sind die häufigsten Fehler? Welche Rückfragen kommen immer wieder? Wo scheitern Nutzer tatsächlich, nicht laut Anleitung, sondern in der Praxis? Diese Antworten sind das eigentliche Storyboard. Ein Support-Ticket-Bericht aus drei Monaten sagt mehr über Nutzungsprobleme aus als jede theoretische Zielgruppenanalyse.
Bekannte Schwachstellen der Textanleitung prüfen. Was ist noch nicht aktualisiert? Kommen bald Änderungen am Produkt, die das Video beeinflussen würden? Ein Video, das auf einer veralteten Anleitung basiert, ist von Tag eins falsch.
Quellen strukturieren und dokumentieren. Vollständige Anleitung, Experteninterview, Fotos, Gesprächsnotizen – welche Quellen liegen vor, welche sind verlässlich? Dokumentierte Quellen schützen in Freigabeprozessen und erleichtern spätere Updates erheblich.
Deine Checkliste für den Projektstart
Abgehakt, bevor das Storyboard entsteht:
1. Lernziel formuliert: „Nach diesem Video kannst du …" in einem Satz.
2. Projekttyp klassifiziert: Service, Schulung, Bedienung oder Sicherheitsunterweisung.
3. Zielgruppe, Nutzungskontext und Plattform beschrieben – inklusive Barrierefreiheitsbedarf (BFSG und ISO 26516).
4. Finaler Entscheider identifiziert und von Beginn an eingebunden.
5. Produkt im finalen Serienstatus – kein Vorseriengerät, keine offenen Änderungen.
6. Bestandsaufnahme abgeschlossen: Vorhandene Videos, Assets und Textanleitungen gesichtet.
7. Handlungsablauf live beobachtet und Support sowie Servicetechniker zu häufigsten Fehlern befragt.
8. Quellen dokumentiert – Anleitung, Interviews, Fotos, Gesprächsnotizen.
Wer diese 8 Fragen beantwortet hat, ist bereit.
Wer diese 8 Punkte abhakt, hat nicht nur ein besseres Storyboard. Er hat ein Video, das echte Probleme löst – weil es auf echten Problemen basiert. Das ist kein Aufwand, den man sich sparen sollte. Es ist der Aufwand, der Nachdreh und Korrekturrunden verhindert.
Videoproduktion ist kein Kreativprojekt. Es ist ein Informationsprodukt. Und Informationsprodukte entstehen durch gute Vorbereitung, nicht durch Improvisation am Set.
Wenn du dein nächstes Videoprojekt strukturiert starten willst:
Wir begleiten Technische Redakteure von der ersten Frage bis zum fertigen Storyboard.
